Interview mit Jost Capito

„So gut aufgestellt wie nie zuvor.“

 

Der ehemalige Volkswagen Motorsport-Direktor Jost Capito im Interview über Entwicklungen seit 1966, die Handschrift seiner Vorgänger und das Jubiläumsjahr.

Sie waren 1966 acht Jahre alt. Wie haben Sie die Anfangsjahre mit der Formel V erlebt?

Ich habe mich schon immer für Motorsport interessiert und für mich war die Formel V damals das Größte. Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die Fahrer: Keke Rosberg, Jochen Rindt und wie sie alle heißen. Zu dieser Zeit war die Formel V vergleichbar mit der Formel 3 heutzutage. Wer in die Formel 1 aufsteigen und im Motorsport Erfolg haben wollte, der fing mit der Formel V an.

Wann fing die Begeisterung für den Motorsport bei Ihnen an?

Das fing sogar noch vor der Formel V an. Und zwar, als meine Mutter mit mir schwanger war und das Motorradrennen „Isle of Man TT“ besucht hat. Ich habe nichts gesehen, aber gehört – und das hat mir gefallen. (lacht)

Später waren Sie selbst im Motorsport aktiv und haben an der Rallye Dakar teilgenommen.

Bei mir fing es mit Motorradsport an. Seitdem ich drei Jahre alt war, bin ich auf Enduro-Veranstaltungen gewesen. Für mich war klar: Wenn ich 16 Jahre alt bin und einen Führerschein habe, fahre ich Enduro- und Motocross-Rennen.

Wie haben Sie 1980 den ersten Gesamtsieg von Volkswagen bei der Rallye Dakar verfolgt?

Von 1980 ist mir natürlich der Volkswagen Iltis in Erinnerung geblieben. Mein Vater ist 1981 das erste Mal bei der Rallye Dakar gefahren, deswegen hatten wir die Jahre zuvor aufmerksam verfolgt. Der Sieg von Freddy Kottulinsky und dem Iltis, das war natürlich sensationell. Wir hatten zu Hause immer Offroad-Fahrzeuge, weil mein Vater zur Jagd gegangen ist. Und genau zu dieser Zeit hatten wir einen Iltis. Schon etwas Besonderes, wenn dann ein solches Modell zu Hause in der Garage steht.

Wie professionell war der Motorsport damals im Vergleich zu heute?

Der Motorsport war immer professionell und zu jeder Zeit auf einem hohen Niveau. Die Technologie hat sich weiterentwickelt. Das bedeutet nicht, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt schwerer oder leichter war. Wer gewinnen will, muss immer zu der jeweiligen Zeit der Beste sein – das ist nie einfach. Wenn heutzutage jemand das machen würde, was vor zehn Jahren im Motorsport gemacht wurde, dann wäre es nicht mehr professionell – aber damals war es das. Die Zeiten ändern sich und man muss immer mit der Zeit gehen.

Ein Großteil des aktuellen Teams arbeitet bereits seit den Rallye-Dakar-Werkseinsätzen – 2003 bis 2011 – zusammen. Ein Schlüssel zum Erfolg?

Bei der Rallye Dakar lernt und erlebt man den Motorsport in jeder Facette, egal auf welchem Gebiet. Diejenigen, die bei der Dakar erfolgreich sind, können auch andere Bereiche erfolgreich gestalten. Ein erfahrenes Dakar-Team zu haben, auf das andere Motorsport-Aktivitäten aufgebaut werden konnten, war die beste Voraussetzung und willkommener Luxus.

In der Reihe der Sportchefs sind Sie der siebte. Welchen Anteil haben Ihre Vorgänger an der aktuellen Entwicklung?

Es wurden hervorragende Entscheidungen getroffen – unter anderem nach Hannover zu gehen, in die Rallye Dakar sowie in die Rallye-Weltmeisterschaft einzusteigen und die dazugehörige Infrastruktur zu schaffen. Wir haben Mitarbeiter im Team, die noch mit dem Golf II in der Rallye-WM gefahren sind. Diese Erfahrungen sind natürlich Gold wert. Alle Entscheidungen und Aktivitäten meiner Vorgänger haben mir geholfen, mit dem Team erfolgreich zu sein. Ich habe etwas übernommen, das die Handschrift meiner Vorgänger trägt. Nur deshalb ist der Erfolg überhaupt möglich.

In welchen Bereichen hat sich das Team in Ihren Augen am meisten weiterentwickelt?

Das Team hat sich in allen Bereichen – von der Technik, Infrastruktur bis hin zu Marketing und Kommunikation – weiterentwickelt, auch den Anforderungen entsprechend. Als Volkswagen die Rallye Dakar von 2009 bis 2011 dreimal gewonnen hatte, hat es das Team auf Anhieb geschafft, in der Rallye-WM eine völlig andere Art von Motorsport zu betreiben. Weg von der Philosophie, bei einem Event im Jahr auf den Punkt konzentriert zu sein, hin zu 13 mal im Jahr mit genau der gleichen Hingabe bei jeder einzelnen Rallye. Das ist eine Änderung, die normalerweise schwer zu vollziehen ist. Wir haben es aber als Team hervorragend gemeistert. In diesem Jahr absolvieren wir mit China eine Rallye mehr. Auch das werden wir ohne Probleme hinbekommen, da bin ich mir sicher.

Welchen Einfluss haben die neun Rallye-WM-Titel der vergangenen drei Jahre auf Volkswagen?

Volkswagen hat sich durch den Einsatz in der Rallye-Weltmeisterschaft im internationalen Motorsport etabliert. Mit der WRC sind wir jedes Jahr von Januar bis November rund um den Globus unterwegs. Die seriennahen Fahrzeuge können weltweit gekauft werden und bieten hohes Identifikationspotential. Der Polo ist das weltweit – außer den USA – meistverbreitete Auto von Volkswagen. Von daher ergibt der Rallye-WM-Einsatz mit dem Polo R WRC absolut Sinn. Als es bei Volkswagen Anfang der 2000er-Jahre mit den SUVs anfing und der Touareg auf den Markt kam, waren die Teilnahmen an der Rallye Dakar natürlich das Beste, was gemacht werden konnte. Auch wenn die internationale Wahrnehmung bei nur einer Veranstaltung im Jahr natürlich geringer war.

Inwieweit ist Erfolg in der Rallye-WM planbar?

Erfolg ist nicht planbar. Was planbar ist, das sind der Einsatz, die Zuverlässigkeit und die Performance des Autos. Damit kann eine Grundlage geschaffen werden. Es hängt natürlich auch von der Konkurrenz und vielen anderen Faktoren ab. Wenn einer dieser Faktoren nicht stimmt, hat man keinen Erfolg.

Anders als andere Hersteller hat Volkswagen kein ausgelagertes Einsatzteam, sondern wickelt als Werksteam selbst den Einsatz ab. Was macht das aus?

Es gibt kurze Entscheidungswege und flache Hierarchien, was sehr effektiv ist. Wenn etwas ausgelagert ist, können schon mal verschiedene Interessen und Philosophien aufeinandertreffen. So etwas kann auch funktionieren, unsere Zusammenarbeit mit Andretti Autosport ist dafür das beste Beispiel. Da sind das Interesse und die Philosophie absolut kongruent. Bei Volkswagen Motorsport betreiben wir beide Ansätze – die WRC-Einsätze wickeln wir im Haus und die Global-Rallycross-Einsätze mit einem Partner ab.

Der Erfolg spricht für sich: Scott Speed hat 2015 mit dem Beetle GRC den Titel gewonnen. Was macht die Zusammenarbeit mit Andretti Autosport so erfolgreich?

Andretti Autosport ist eine etablierte Motorsport-Firma, die in der Vergangenheit zahlreiche Erfolge gefeiert hat. Die Einstellung und die Ansichten von Andretti und Volkswagen, wie Motorsport betrieben werden soll, sind identisch. Sie passen auch vom Spirit zu uns – wir wollen beide immer gewinnen und tun alles dafür. Das war letztendlich auch ausschlaggebend für den tollen Erfolg in der Saison 2015.

Hinzu kommt 2016 der Golf TCR für die Rennstrecke. Was versprechen Sie sich von diesem Engagement im Kundensport?

Wir versprechen uns, dass interessierte Kunden mit einem Volkswagen kostengünstigen Motorsport auf verschiedenen Niveaus betreiben können. Es gibt nationale und weltweite Meisterschaften, beispielsweise in den Benelux-Ländern oder in Asien. Ein Team kann mit dem Golf TCR an verschiedenen Serien teilnehmen, sich weiterentwickeln und das Engagement von einem nationalen bis hin zu einem internationalen ausbauen – mit dem gleichen Auto und der gleichen Technologie.

Was zeichnet die Nachwuchsarbeit von Volkswagen aus?

Die Nachwuchsarbeit von Volkswagen zeichnet aus, dass sie authentisch ist. Wir wollen keine Marionetten, sondern eigenständige Persönlichkeiten. Deswegen bieten wir Nachwuchsfahrern konkurrenzfähiges Material und den notwendigen Freiraum zur Entfaltung. Nur so haben Motorsport-Talente die Möglichkeit, sich in beiden Bereichen zu entwickeln – auf der Rennstrecke als Fahrer und daneben als Persönlichkeit.

Was wünschen Sie Volkswagen Motorsport zum runden Geburtstag?

Wir wollen erfolgreich sein, überall wo wir antreten. Zum 50. Geburtstag ist Volkswagen im Motorsport so gut aufgestellt wie nie zuvor. Mit einem sehr runden Programm: Ein weltweites mit der Rallye-WM, die ständig wächst – 2016 mit einer Rallye in China, 2017 kommt Toyota als Hersteller hinzu. Für die Rundstrecke haben wir die Nachwuchsförderung in der Formel 3, außerdem den Einstieg mit dem Golf TCR in den Kundensport. Auch die TCR wird immer größer, es entwickeln sich dutzende Meisterschaften. Dazu sind wir im Rallycross – einer modernen, aufstrebenden Sportart – in den USA gut etabliert. Volkswagen ist damit im Motorsport zukunftssicher und zukunftsweisend aufgestellt.