WEHE, WENN SIE LOSGELASSEN.

Die Formel V – die erste große Volkswagen Erfolgsgeschichte im internationalen Motorsport.

In den USA fing alles an. Im August 1963 wird auf dem Daytona-Speedway in Florida das erste offizielle Formel-V-Rennen ausgetragen. Es ist die Zeit, als der Volkswagen Käfer aus Wolfsburg gerade den amerikanischen Automarkt erobert. Sein 1,2-Liter-Motor mit knapp 40 PS und das Fahrgestell werden von einigen Motorsport-Freaks als passender Antrieb für eine höchst preiswerte Rennwagen-Konstruktion erachtet. In den Werkstätten von Gene Beach und Formcar Constructors entstehen die gleichnamigen Monoposti-Bausätze der ersten Generation. Sie sind einfach gestrickt, robust und bieten viel Platz im Cockpit. Optisch allerdings ähneln sie eher einer mobilen Badewanne.

Wer hat’s erfunden? Die Amerikaner.

Bunt gemischt - Volkswagen Käfer und Formel-V-Rennwagen 1963 auf den Bahamas.


So fing alles an.
Die erste von der US-Sportbehörde SCCA sanktionierte Formel-V-Generation steht ab 1963 rennfertig parat, um überall im Land einen gewaltigen Siegeszug anzutreten. Bald kommen weitere Hersteller wie Zink, MacVee oder Autodynamics dazu. Die Amis sind mächtig stolz auf ihre „Formula Vee“ und erinnern in diesem Zusammenhang auch gerne an den Volkswagen Händler Hubert Brundage in Florida, der sich schon ein paar Jahre zuvor den ersten Formel-V-Rennwagen für private Spaßfahrten zusammengebaut hat. Mutige Männer in ihren fliegenden Kisten sind fortan in Daytona, Sebring und anderswo im Land zu bestaunen, wenn sie um fette Preisgelder und Punkte für die „Brundage-Trophy“ raufen. Mit der Ausschreibung der ersten offiziellen Meisterschaft „Formula Vee Championship“ ist die preiswerteste Form des Rennsports fester Bestandteil des Rahmenprogramms aller großen US-Motorsport-Events.

Ein Daytona-Besuch mit Folgen.

Typisches Formel-V-Feld in den USA (1967).


Über den großen Teich.
Mit einem Anschaffungspreis von umgerechnet unter 10.000 Mark mausert sich die Formel V in den USA zur erfolgreichsten Rennwagenklasse der Nation. Bis zu 80 Autos stehen in den Nennlisten, über Vor- und Zwischenläufe müssen die Finalteilnehmer ermittelt werden. US-Jungstars wie Bill Scott, John Magee, Buddy Cox oder Bill Campbell machen Karriere. Bei einem Daytona-Besuch 1964 werden Dr. Ferry Porsche und sein Sportchef Huschke von Hanstein auf die Volkswagen Renner aufmerksam. Spontan beschließt die deutsche Delegation, zwölf Bausätze nach Stuttgart schaffen zu lassen. Kollegiale Amtshilfe bei der Export-Aktion leisten der sportbegeisterte USA Volkswagen Chef und spätere Volkswagen Vorstand Dr. Carl H. Hahn und der Volkswagen nahestehende US-Rennmanager Jo Hoppen. „Wir wollen was für den deutschen Rennfahrer-Nachwuchs tun“, so von Hanstein damals in einem Presse-Statement, „und unseren jungen Leuten mit der Formel V eine preisgünstige Einstiegsalternative eröffnen.“

Die Formel V erobert Deutschland, Europa und die Welt.

Der Chef testet persönlich - Huschke v. Hanstein im Formcar 1965.


Die Deutschlandpremiere.
Für die ersten Demo-Fahrten im Frühjahr 1965 bei den Bergrennen Eberbach und Rossfeld haben Porsche-Mechaniker je sechs Beach- und Formcar-Bausätze zusammengeschraubt, danach steigt am ersten Juli-Wochenende auf dem Nürnberger Norisring vor 50.000 Zuschauern die offizielle deutsche und zugleich europäische Rennpremiere. Nach turbulenten und dreherreichen zehn Runden darf sich der Würzburger Günther Schmitt als Sieger feiern lassen. Sein Schnitt für die schnellste Runde beträgt 115 km/h. Der 4. Juli 1965 ist somit auch für Europa der Anfang einer grandiosen Volkswagen Erfolgsgeschichte. Mit wechselnden Startern, die mal mehr, mal weniger prominent sind, tourt Huschke von Hansteins „Porsche-Formel-V-Wanderzirkus“ quer durch die Republik. Die Solitude vor den Toren Stuttgarts, die Flugplätze Mainz-Finthen und Wunstorf, das Schauinsland-Bergrennen und die Nürburgring-Südschleife erleben Formel-V-Rennen mit hohem Unterhaltungswert.

Der Formel-V-Virus infiziert die ganze Welt.
Was zu diesem Zeitpunkt niemand nur ansatzweise ahnt – die Formel V entwickelt sich ab 1966 zur wildesten und verrücktesten Rennserie, die der deutsche und europäischen Motorsport bis dahin gesehen hat. Innerhalb kurzer Zeit gibt es überall Landesmeisterschaften, ein Europa-Championat, Vergleichskämpfe zwischen den USA und Europa und sogar eine inoffizielle Weltmeisterschaft. Die „Bahama Speed Weeks“ in Nassau und Daytona sind Schauplätze großer Schlachten, in Nassau siegen die Europäer, in Daytona drehen die Amis den Spieß um. Wie eine Epidemie verbreitet sich die Formel-V-Idee rund um den Globus. Bald sind weltweit über 1.000 Volkswagen Rennwagen, darunter neue Chassis-Konstruktionen wie Austro V, Kaimann, Fuchs, Olympic, Apal, Bora, HAS, RPB oder Swiss-V, registriert. Spätestens 1967 ist klar: Volkswagen hat mit der Formel V die Motorsport-Welt erobert.

Der große Bruder: die Formel Super V.

Der letzte Formel Super V – ein March 81 SV mit Kennerth Persson.

 


Eine zweite Volkswagen Rennwagenklasse.

Viele spätere Stars wie Dieter Quester, Dr. Helmut Marko, Niki Lauda oder Keke Rosberg beginnen ihre Karriere in der Formel V. Österreich wird zur führenden Formel-V-Nation, die wilden Burschen aus der Alpenrepublik holen sich einen Titel nach dem anderen. Tüftler-Genies wie Pauli Schwarz (Porsche Salzburg, Austro V) und Kurt Bergmann in Wien (Kaimann) produzieren die Siegerautos und Siegertypen am Laufmeter. Die Motorleistung wächst schnell von 40 auf 70 PS, im Laufe der Jahre wird sogar die 100-PS-Grenze überschritten. Ab 1971 kommt mit der Formel Super V der große Bruder ins Spiel – eine zweite Volkswagen Rennwagenklasse parallel zur etablierten Formel V 1300. Die Volkswagen Triebwerke haben 1,6 Liter Hubraum, leisten anfangs um die 120 PS, im weiteren Verlauf steigt auch hier die Leistung rapide an und nähert sich ein paar Jahre später schon der 150 PS-Marke, am Ende sind es gar fast 200 PS.

Zu viel des Guten.
Professionelle Rennställe, Teams und Fahrer übernehmen das Kommando, Amateure haben bald kaum noch Chancen auf Podiumsplätze. Auch hier haben zunächst wieder die Österreicher das Sagen beim Siegen, bevor die großen britischen Chassis-Produzenten Lola, March und Ralt den Formel-Super-V-Markt nahezu komplett erobern. Doch die Kosten laufen immer mehr aus dem Ruder, der Etat für eine Saison steigt von Jahr zu Jahr dramatisch. Die Super-V-Rennwagen sind am Ende sogar schneller als die Formel 3. Volkswagen Motorsport reagiert entsprechend und zieht die Reißleine. Nach der Formel V 1300 einige Jahre zuvor wird 1982 auch das Kapitel Formel Super V für immer geschlossen. Den letzten Europatitel 1982 entführt der Österreicher Walter Lechner noch einmal in jenes Land, das als Mutter aller Formel-V-Nationen in die Geschichte eingeht.

Zurück in die Vergangenheit.

Formel-V-Revival 2013 in Daytona: Markku Alén, Arie Luyendyk, Michael Andretti, Mika Arpiainen, Hans-Joachim Stuck, Klaus Niedzwiedz, Leopold Prinz von Bayern.


Die Idee lebt weiter.
Mit der Einstellung aller Aktivitäten endet für Volkswagen eine 17 Jahre andauernde, faszinierende und höchst unterhaltsame Erfolgsstory. Die Erinnerung an die wilden Jahre hält der Verband „Historische Formel Vau Europa e.V.“ in München bis heute wach. Liebevoll restaurieren und pflegen die Nostalgiker die Schätze von einst, von denen es in der Blütezeit weltweit mal rund 3.000 Exemplare gab. „Wir sind stolz darauf“, so Präsident Dr. Frank Orthey, „die Formel-V-Idee weiter zu pflegen und mit unseren Mitgliedern fortzuschreiben.“ Mit ihren auf heutige Sicherheitsanforderungen umgerüsteten Formel-V- und Super-V-Rennwagen aus den Jahren 1965 bis 1982 trägt der mitgliedsstarke Verband eine eigene historische Rennserie aus. Eine Auswahl aus diesem Bestand geht mit auf Übersee-Reise, wenn Volkswagen Motorsport zusammen mit ehemaligen Formel-V-Piloten Ende Januar 2013 nach Daytona zu den Jubiläumsfeiern reist. Die schönsten Formel-V-Rennwagen aus Europa und den USA werden vor dem Start des 24-Stunden-Rennens einen Demonstrationslauf absolvieren. In den Cockpits sitzen Formel-V-Helden von damals – heute durchweg im Alterssegment zwischen 65 und 75 Jahren angekommen.

Die berühmtesten Formel-V-Fahrer und Ihre größten Erfolge.

Niki Lauda im Kaimann (1969).

Fahrer (Land) Erfolge
Dieter Quester (Österreich) Platz 3 Formel-2-Europameisterschaft 1971
Jochen Rindt (Österreich) Formel-1-Weltmeister 1970, Sieger 24 Stunden Le Mans 1965
Niki Lauda (Österreich) 3-facher Formel-1-Weltmeister 1974, 1977, 1984
Helmut Marko (Österreich) Sieger 24 Stunden Le Mans 1971
Helmut Koinigg (Österreich) Formel 1 mit Surtess 1974
Emerson Fittipaldi (Brasilien) 2-facher Formel-1-Weltmeister 1970
Nelson Piquet (Brasilien) 3-facher Formel-1-Weltmeister 1981, 1983, 1987
Gijs van Lennep (Niederlande) Sieger 24 Stunden Le Mans 1971
Arie Luyendijk (Niederlande) 2-facher Sieger 500 Meilen von Indianapolis 1990, 1997
Keke Rosberg (Finnland) Formel 1-Weltmeister 1982
Tom Pryce (England) Formel 1 mit Shadow 1974–1977
Gunnar Nilsson (Schweden) Formel-1-Sieg mit Lotus beim GP Belgien 1977
John Nielsen (Dänemark) Sieger 24 Stunden Le Mans 1990
Jochen Mass (Deutschland) Sieger 24 Stunden Le Mans 1989, F1 McLaren
Marc Surer (Schweiz) Formel-2-Europameister 1979, Formel 1 mit diversen Teams 1981–1986