
Genial, trickreich, ausgebufft:
berühmte Teamchefs der Formel V.
Es gab viele geniale Konstrukteure, trickreiche Teamchefs und Manager in der Formel-V-Ära. Anlässlich des 50-jährigen Formel-V-Jubiläums stellen wir drei Persönlichkeiten stellvertretend für alle anderen Kollegen vor.
Kurt Bergmann (1975)
Der Mann mit dem Stoppelhaarschnitt steht wie ein Feldherr auf dem Beobachtungshügel, in diesem Fall auf der Treppe seines Teambusses. Seine wachen Augen blicken auf ein wohlgeordnetes Chaos, die dicke Brille hängt oberhalb der Stirn im Stoppelhaargestrüpp. Auf einer Wiese im Fahrerlager sind sechs Formel-V-Rennwagen in ihre Einzelteile zerlegt, Autos der Vertragsfahrer und der zahlenden Kundschaft. Kurt Bergmann, Chef des Wiener Kaimann-Rennstalls, verfolgt den Fortgang der Arbeiten. Nichts entgeht dem kleinen Mann, jeder Handgriff seiner Männer unterliegt seiner permanenten Blickkontrolle. Plötzlich wird’s gefährlich: Schlurfenden Schrittes nimmt er Kurs auf den Mechaniker, der gerade eine Schweißnaht gelegt hat. „Hörst, dös geht so ned“, grummelt der Chef, „dös bricht an der nächsten Ecken zam.“ Der „Master“ schnappt sich den Schweißbrenner und zieht eine makellose Naht. Schließlich sollen seine „Kaimänner“ Rennen gewinnen und nicht wegen Schludrigkeiten bei der Vorbereitung ausfallen. Und gewonnen wurde im Team von Bergmann eigentlich ziemlich oft. 13 Meisterschaften, darunter eine WM und mehrere EM-Titel, sowie über 100 Einzelsiege sprechen eine klare Sprache.
Ob die Piloten nun Lauda, Marko, Breinsberg, Huber, Ertl, Koinigg oder Rosberg hießen – in der Blütezeit der großen Formel-V- und Super-V-Bewegung der 60er- und 70er-Jahre hatten Bergmanns Volkswagen Renner das Sagen beim Siegen. Erst die Konstruktionen der großen englischen Chassisbauer wie Lola, March und Ralt bremsten die legendären Kaimann-Monoposti deutlich ein. Bergmanns Formel-V-Rennstall begründete nicht nur die weltweit gefürchtete Überlegenheit der Österreicher, sondern sorgte auch für den frühen Ruhm zahlreicher späterer Weltklassepiloten. Niki Lauda, Helmut Marko oder Keke Rosberg zeigen noch heute Respekt und Bewunderung für den Mann mit dem Bürstenhaarschnitt. „Das Erste, was der Niki abgeliefert hat“, erinnert sich der heute 84-jährige Bergmann grinsend, „war ein krummes Auto nach einem wunderschönen Looping.“
Als die Lieblingspiloten des strengen Kaimann-Chefs kristallisierten sich die Österreicher Erich Breinsberg („Der war am längsten bei mir und am pflegeleichtesten“), Dr. Helmut Marko („Der schnellste, aber auch schwierigste“) und Günther Huber („Technisch der Beste“) heraus. Sehr getroffen hat Bergmann der Tod seines Ex-Piloten Helmut Koinigg, der nach tollen Super-V-Rennen direkt ins Surtees-Formel-1-Team aufstieg und 1974 beim USA-GP in Watkins Glen tödlich verunglückte. Nach Ende der Formel-V-Ära 1982 wurde Bergmann noch einige Jahre von Volkswagen Motorsport als Technischer Kommissar für den Volkswagen Polo Cup eingesetzt, ehe er sich ganz vom Motorsport-Parkett in seine Werkstatt im Wiener Vorstadtbezirk Essling gleich neben dem Flughafen Aspern zurückzog.
Heinz Fuchs (1975)
Seine Formel-V-Autos gehörten zwischen 1965 und 1975 zum Bild jeder Rennstrecke. Vor allem in der Anfangszeit der großen Formel-V-Bewegung in Deutschland haben die Monoposti des schwäbischen Rennwagenbauers Heinz Fuchs aus Rutesheim bei Leonberg ihre besten Auftritte. Zwar regiert auch mal das große Chaos und so mancher der mutigen Fuchs-Piloten verzweifelt gelegentlich an der Technik des eigenwilligen Konstrukteurs. Aber trotzdem haben seine eleganten und formschönen Rennwagen die Nase im Wettstreit mit den starken Kaimann-, Olympic- und Austro-V-Werksteams oft genug vorn. Rund 100 Siege erreichen Fuchs-Piloten in aller Welt.
Zum siegreichen Fuchs-Fahrerkader gehörten hierzulande die Schwaben Helmut Bross sowie Werner und Roland Müller. Zu seinem Lieblingspiloten hatte der Chef mit Werner Müller aus Ruit bei Stuttgart jenen Fahrer erhoben, der als erster zum Team stieß und auch das erste Rennen in einem Fuchs gewann. Rund 120 Formel V 1300 und an die 50 Formel Super V baute Heinz Fuchs im Laufe der Jahre, dazu noch jede Menge Kit-Sätze. Seine Autos waren über ganz Europa verteilt und rannten sogar in den USA sehr erfolgreich. Als der Formel-V- und Super-V-Boom gegen Ende der 70er-Jahre nachließ und auch Volkswagen Motorsport sein Engagement langsam zurückfuhr, beendete Heinz Fuchs dieses Kapitel ziemlich frustriert. Danach verlegte sich der leidenschaftliche Techniker und Tüftler auf die Fertigung von Präzisionsteilen und arbeitete hier verstärkt mit der Porsche-Rennabteilung zusammen.
Zusätzlich eröffnete er sich mit dem Slogan „Fuchs Powerbikes – Kompetenz auch auf zwei Rädern“ neue Perspektiven. Er konstruierte hochwertige Rennräder, Mountain- und Feder-Bikes sowie Tourenräder mit handgeschweißtem Alurahmen. So baute er noch als Pensionär für alte Freunde und gute Kunden das eine oder andere Rad nach deren speziellen Vorstellungen. Ziemlich traurig war Heinz Fuchs darüber, dass es kaum noch Kontakt zu seinen Piloten aus der Formel-V-Zeit gab. Den aktuellen Rennsport verfolgte er am Fernseher nach dem Motto „Geguckt wird alles, was rennt“. Manchmal setzte er sich auch einfach als Zuschauer in Hockenheim auf die Tribüne oder wanderte unerkannt durchs Fahrerlager. „Das ist der Lauf der Dinge, dass dich irgendwann keiner mehr kennt“, sagte er mal ohne Groll, „heute kannst du froh sein, wenn dir jemand noch ein Ticket fürs Fahrerlager gibt.“
Die Technik faszinierte Fuchs zeitlebens, als ausgewiesener Oldtimer-Fan bastelte er unentwegt an seinem Porsche 930 Turbo. Und voller Begeisterung machte er sich immer wieder an die Restaurierung einiger seiner alten Formel-V-Rennwagen. „Wenn ich meine Autos und meine Fahrräder um mich 'rum habe, geht’s mir gut. Mehr brauch’ ich nicht, um glücklich und zufrieden zu sein.“ Es ist eines der letzten überlieferten Zitate von Heinz Fuchs – im März 2012 ist er im Alter von 78 Jahren gestorben. Und mit ihm auch ein gutes Stück Formel-V-Geschichte.
Chef und Fahrer: Francis McNamara und sein Formel-V-Pilot Helmut Marko (1969)
Saisonfinale 1968 in Hockenheim – in der Startaufstellung des gut besetzten Formel-V-Rennens stehen zwei nagelneue McNamara Sebring Mk1. Der Neuling ist auffallend schick und schlank, man leistet sich sogar den Luxus verchromter Radträger, Aufhängungen und Antriebswellen. Hätte es einen Schönheitspreis gegeben, wäre er an den McNamara gegangen. Siegfähig und schnell ist die neue Formel-V-Konstruktion obendrein auch noch, ein Auto steht in Reihe eins auf Startplatz zwei, das zweite in Reihe fünf.
Namensgeber für den flotten Einsitzer war der US-Leutnant und ehemalige Vietnam-Kämpfer Francis McNamara, Jahrgang 1938. Als der rennsportbegeisterte Mann seine ersten Formel-V-Rennen fuhr, missfielen ihm sowohl Outfit als auch Performance der Wagen. So beschloss er, Formel-V-Rennautos nach eigenen Vorstellungen bauen zu lassen und den Dienst in der US Army zu quittieren. Mithilfe seiner sehr wohlhabenden Ehefrau Bonnie eröffnete er in Lenggries bei Bad Tölz eine großzügige Werkstatt und engagierte die jungen Konstrukteure Jo Karasek und Gustav Brunner. Bald war auch Kaimann-Supertalent Dr. Marko als Pilot, Marketingleiter und Hausjurist bei McNamara an Bord. Der Fuhrpark in Lenggries wuchs stetig, außer den Formel-V- wurden bald auch Formel-3- und sogar Indy-Rennwagen gebaut. Im Vorprogramm zum deutschen F1-GP auf der Nürburgring-Nordschleife gewann Teamleader Marko für McNamara 1969 das wichtigste Formel-V-Rennen des Jahres. Nach einem gnadenlosen Zweikampf mit Kaimann-Speerspitze Niki Lauda über die volle Distanz rang der trickreiche Marko den jungen Lauda in der letzten Runde nieder. Der Schlagabtausch der beiden Österreicher ging in die Formel-V-Geschichte ein.
Derweil verstärkte McNamara seine Rennwagen-Manufaktur mit weiteren Top-Leuten. Mit den US-Rennställen von Penske und STP-Granatelli gab es Abkommen über den Bau von Rennwagen für den US-Markt. Und dann begann der Stern des Francis McNamara plötzlich zu sinken, es gab unschöne Auseinandersetzungen mit der Kundschaft, Beschwerdebriefe wurden kommentarlos und zerrissen an die Absender zurückschickt. Marko verließ das Team, andere wichtige Mitarbeiter suchten sich fluchtartig neue Jobs. Eines Tages wurde Bonnie McNamara tot aufgefunden, bei den Untersuchungen der Umstände wurden seinerzeit weder Selbstmord noch andere Theorien ausgeschlossen. Francis McNamara verschwand unter Zurücklassung vieler offener Fragen für immer aus Lenggries. Das wenige Jahre zuvor mit Glanz und Gloria positionierte Unternehmen „McNamara Racing Cars KG“ blieb den Einwohnern des kleinen bayerischen Städtchens letztlich in unguter Erinnerung. Der US-Bürger McNamara gilt seitdem als verschollen, niemand weiß, wo er sich aufhält und ob er überhaupt noch lebt.