

Keiner kennt die Formel V besser als Rainer Braun.
Rainer Braun. Wer sich mit der Formel V der 60er- und 70er-Jahre beschäftigt, kommt an diesem Namen nicht vorbei. Rainer Braun war nicht nur ein leidenschaftlicher Journalist, Streckenreporter und TV-Kommentator, er hat die Praxis auch in vorderster Front kennengelernt: So gehörte er nicht nur zum Fahrerkader bei der Deutschland-Premiere 1965 am Norisring, sondern bestritt in der Folge bis 1972 rund 80 Formel-V-Rennen im In- und Ausland. Was dieser Mann über die Formel V zu erzählen weiß, ist schier unglaublich und auch heute noch von höchstem Unterhaltungswert. Tollkühne, durchgeknallte Piloten, haarsträubende Schlachten auf den Rennpisten, geniale Konstrukteure, ausgebuffte Teamchefs: Rainer Braun kennt die ganze Wahrheit – und bringt sie für Volkswagen Motorsport ans Licht.
50 Storys über die wildeste und verrückteste Rennserie, die der europäische Motorsport bis heute gesehen hat. Jede Woche eine neue Episode. Und falls Sie dann immer noch nicht genug haben sollten: Greifen Sie einfach zu einem der vielen Motorsport-Bestseller, die Rainer Braun als Buchautor erschuf.

Mit dynamischen Managern und Machern verstärkte die Formel-V-Organisation Mitte 1967 ihre Münchener Zentrale. Volkswagen Vorstandsmitglied Dr. Carl Hahn persönlich suchte den Wunsch-Generalsekretär aus.
Als im Technik-Magazin „Hobby“ im Frühjahr 1967 eine Geschichte über Volkwagen Vertriebsvorstand Dr. Carl Hahn und seine Bemühungen um die Einführung der Formel V in Deutschland erschien, bewirkte dies eine Art Initialzündung. Der mächtige Volkswagen Mann, sehr angetan von Stil und Inhalt der Story, ließ den Autor der Story ausfindig machen und stieß auf Anton Konrad. Der gehörte zu dieser Zeit zum „hobby“-Redaktionsstab und kümmerte sich um Autotests und Motorboote. Aus Wolfsburg erhielt er alsbald eine Gesprächseinladung von höchster Stelle. Dr. Hahn konnte den knapp 30-jährigen Journalisten für die vakante Position eines hauptberuflichen Generalsekretärs beim Verband Formel V Europa e.V. in München begeistern. Am 1. Juni 1967 nahm der studierte Kfz-Ingenieur seine Arbeit als neuer Formel-V-Manager auf.
Zuvor war im Zuge der Hauptversammlung bereits ein neues Präsidium installiert worden. Als Formel-V-Europa-Präsident amtierte jetzt Sven von Schroeter, hauptberuflich in der Geschäftsführung des Münchner Volkswagen Großhändlers MAHAG und nebenbei auch noch AvD-Präsidiumsmitglied. Neu gegründet wurde innerhalb des Europa-Verbunds auch die nationale Sektion „Formel V Deutschland“ mit knapp 50 Mitgliedern, die Günther Graf von Hardenberg zu ihrem Präsidenten wählten. Hardenberg war durch seine Volkswagen Autohäuser in Karlsruhe und Umgebung ohnehin schon eng mit Wolfsburg verbunden. Stichwort Volkswagen: Von Wolfsburg aus vertraten die PR-Manager Hans Strömel und Harald Stibbe als offizielle Formel-V- und Motorsport-Repräsentanten die Interessen des Unternehmens.
„Unsere Hauptaufgabe muss darin bestehen“, so Anton Konrad in seiner damaligen Antrittsrede, „die Formel V für unsere Fahrer sicherer und für das Publikum attraktiver zu machen.“ Was ihm zweifellos gelungen ist.
Bild rechts:
Der neue Präsident – Sven von Schroeter 1967
© Seufert
Hintergrundbild:
Zwei starke V-Männer – Generalsekretär Konrad (re) mit Technik-Chef Schmitz (li), 1968.
© unbekannt

Wenn prominente Ski-Sportler ins Rennauto steigen, machen die Stars alpiner Wintersport-Disziplinen meistens eine gute Figur. Diese Erkenntnis stellten auch Rosi Mittermaier und Toni Sailer im Formel-V-Cockpit durchaus beeindruckend unter Beweis.
Als sich Österreichs Ski-Idol Toni Sailer im Herbst 1967 beim Eifelpokalrennen am Nürburgring ins Cockpit eines Austro V gleiten ließ und auf Anhieb flotte Runden drehte, hatten die Journalisten ihre Schlagzeile. Zehn Jahre nach dem Ende seiner Karriere als Skirennläufer kämpfte der dreifache Olympiasieger von 1956 auf der fahrerisch anspruchsvollen Südschleife im vorderen Mittelfeld respektlos mit gestandenen Formel-V-Recken. Auch danach machte dem damals 33-jährigen aus Kitzbühel die Rennerei im Formel-V-Auto so viel Spaß, dass er 1968 und 1969 im Austro V und McNamara noch jede Menge Starts in Österreich absolvierte.
Auch Rosi Mittermaier schnupperte sehr erfolgreich Formel-V-Luft. Als die Münchner Volkswagen Niederlassung MAHAG im Oktober 1970 beim Flugplatzrennen Neubiberg einen Sonderlauf für die lokale Sport-Prominenz arrangierte, stand neben Boxer Bubi Scholz, München-1860-Torwart Petar „Radi“ Radenkovic und Prinz von Thurn und Taxis auch die 20-jährige spätere Doppel-Olympia-Siegerin von der Winkelmoosalm am Start. Obwohl erst seit ein paar Monaten im Besitz des Führerscheins, setzte sie sich resolut an die Spitze und siegte mit sicherem Vorsprung vor Prinz von Thurn und Taxis und Audi-NSU-Vorstand Paul Schönbeck. Alle Beobachter waren begeistert ob der Darbietung der Ski-Rennläuferin. „Rosi ist sauber und richtig schnell gefahren“, lobte Formel-V-Generalsekretär Anton Konrad bei der Siegerehrung am Mikrofon des Platzsprechers, „und sie hat auch noch das Auto ohne einen Kratzer zurückgebracht. Kompliment.“
Weniger erfolgreich fiel dagegen ein Start von Ski-Rennläufer Christian Neureuther, ab 1980 Rosis Ehemann, im VW Junior Cup im April 1976 in Hockenheim aus. Nach einem Missgeschick gesellte sich der populäre Slalom-Spezialist nach wenigen Runden zu einer bereits veritablen Ansammlung von Scirocco-Wracks hinter der zweiten Schikane.
Hintergundbild:
Flotter Racer – Ski-Star Toni Sailer (rechts) 1969 mit Dr. Helmut Marko in Zeltweg
© Hruby/Keppel
Bild rechts:
Formel-V-Sieg – Rosi Mittermaier beim Flugplatzrennen München-Neubiberg
© unbekannt

Das erste Formel-V-Rennen in Monaco im Rahmen des Formel 1-Wochenendes sorgte bei der Rennleitung des Fürstentums für Entsetzen. Was die rauflustigen Buben im Mai 1967 aufführten, ließ die vornehmen Herren des AC Monaco erblassen.
Kaum hat Rennleiter Louis Chiron die Formel-V-Meute am 7. Mai 1967 unmittelbar vor dem Start des F1-GP auf die Reise durch die engen Gassen von Monte Carlo geschickt, knallte und krachte es an allen Ecken und Enden. Eine ganz besondere Einlage bot der Brite Nick Brittan zu Beginn der wilden Hatz in der Schikane am Yachthafen, wo er gleich mehrere Konkurrenten überholte – allerdings per unfreiwilliger Luftfahrt. Nach harter Landung blieben er und weitere Beteiligte des Scharmützels gottlob ebenso unverletzt wie die Havaristen an anderen Stellen des tückischen Parcours.
Derweil rauften an der Spitze die üblichen Verdächtigen um Alles oder Nichts. Die Parole lautete wieder mal: Österreich gegen den Rest der Welt. Huber, Riedl, Marko, Peter – die Herren behakten sich mit ein paar schnellen Deutschen, einem aufsässigen Franzosen und zwei mutigen Belgiern. Am cleversten agierte Huber, der sich aus dem Gemetzel raus hielt und an der Spitze enteilte. Als seine Bremsscheibe zerbröselte, rückte Marko nach und siegte. Dessen Freude währte aber nur kurz, bei der technischen Nachkontrolle fiel er durch und flog aus der Wertung. So erbte Landsmann Riedl Pokal und Preisgeld für Platz 1. Die beiden Deutschen Kellners und Wünstel komplettierten das Podium. Fürstin Gracia überreichte den „Coupe de S.A.S. le Prince Héréditaire Albert de Monaco“, alle verbeugten sich artig.
Auf eine erneute Durchführung verzichteten sowohl der Veranstalter als auch der Verband Formel V Europa einvernehmlich. Jahre später erzählte Pressechef George Bertelotti in vertrauter Runde, dass die hohen Herrn des fürstlichen Automobilclubs geradezu entsetzt gewesen sind über die wilde Horde, die da aufeinander losging.
Foto:
Fly und Drive – Fuchs-Pilot Nick Brittan und seine Luftreise am Yachthafen
© Schwab

Als die Amerikaner im sicheren Glauben ihrer Überlegenheit eine Europa-Abordnung im Dezember 1966 zum ersten Formel-V-Vergleichskampf auf die Bahamas einluden, ahnten sie nicht, auf was sie sich da einließen. Drei Österreicher fuhren alles in Grund und Boden.
40 US-Boys gegen drei Österreicher – das war die ungleiche Ausgangslage des ersten Übersee-Vergleichskampfs im Rahmen der „Nassau Speed Week“ auf den Bahamas. Alles sprach gegen die Europäer, zumal die Amis drei Jahre Erfahrungsvorsprung hatten. Dennoch wagten sich die von Porsche-Salzburg in Marsch gesetzten Jungen Wilden Jochen Rindt, Günther Huber und Michael Walleczek in die Höhle des Löwen. Und genau in dieser Reihenfolge beendete das Austro-V-Trio auch das Rennen. Mit perfekter Windschattentaktik spulten Rindt & Co. ihre 23 Runden auf der 7,2 km langen Holperpiste ab und deklassierten alle Verfolger. Der Schock war so groß, dass sogleich alle drei Autos von den US-Regelwächtern bis zur letzten Schraube zerlegt und überprüft wurden. Resultat: keine Beanstandungen. Danach wechselten die siegreichen Austro V in einem wüsten Bieterwettstreit noch vor Ort die Besitzer. „Zu solch utopischen Preisen“, feixte Teambetreuer Wolfgang Marsoner, „hätten wir die Autos bei uns niemals verkaufen können. Und jetzt haben wir auch noch die Kosten für den Rücktransport gespart.“
Für 1967 kündigten die Amerikaner gnadenlose Revanche an, die zumindest in Teilen gelang. Zwar siegten mit dem Franzosen Jean-Pierre Beltoise (Zink) und dem Österreicher Dieter Quester (Kaimann) erneut zwei Europäer in den beiden Vorrennen über je 100 Meilen. Aber den Hauptlauf über 200 Meilen mit Boxenstopps für alle gewann Tony Jeffries auf Capital V – eine rein amerikanische Fahrer-Fahrzeug-Kombination. Die Kaimann-/Austro-V-Fraktion mit Dieter Quester, Rindt und Dr. Helmut Marko wurde überraschend klar besiegt und musste sich mit den Plätzen 2,3 und 4 zufrieden geben.
Danach verlegten clevere US-Funktionäre den Formel-V-Großkampf ins Oval nach Daytona. Und dort wurden die Europäer gleich mehrere Jahre lang nach allen Regeln amerikanischer Oval-Kunst vorgeführt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Bild rechts:
Siegreiches Austria-Trio: Rindt (Mitte), Huber (rechts), Walleczek in Nassau
© de Barsy/Formel V Europa
Hintergrundbild
Vom Start weg vorne : Jochen Rindt
© Kurier/Formel V Europa

Grober Unfug, deftiger Blödsinn und fette Lacher gehörten in der Formel V zur Tagesordnung. Treffen konnte es jeden – immer und überall.
Man stelle sich bitte folgendes Szenario aus dem Jahr 1966 vor: Der Sieger eines Formel-V-Rennens steht stolz mit Kranz und Schleife auf dem Podium, die Nationalhymne läuft. Das zunächst zaghafte Gelächter der Umstehenden wird immer hemmungsloser, irritiert blickt der Sieger in die Runde. Was er nicht weiß, aber alle anderen sehen – statt prächtiger Haarpracht hat der Mann plötzlich eine Halbglatze. Wie konnte es dazu kommen? Den lieben Kollegen war nicht entgangen, dass ihr Mitbewerber (dessen Name hier vornehm verschwiegen sei) ein Toupet trug. Also schmierten sie dem armen Kerl in einem günstigen Moment Klebstoff in die Innenseite des Sturzhelms. Als der gute Mann nach seiner Siegesfahrt den Helm wieder abnahm und sogleich zur Siegerehrung schritt, war das Resultat der Aktion nicht zu übersehen ...
Dies ist nur eine von unzähligen Episoden, die sich im Laufe der Jahre an den Formel-V-Schauplätzen zutrugen. Ob furchterregende Maskeraden im Cockpit, Beduinen-Gewänder am Vorstart oder kernige Poker-Partien zwischen zwei Trainingssitzungen – zu lachen gab es immer und überall etwas. Und wenn es nur Lenkrad, Sitz oder Räder waren, die plötzlich am Auto des Trainingsschnellsten fehlten. Als Urheber vieler Schandtaten galten oft genug die Österreicher, der Name Dieter Quester fiel in diesem Zusammenhang besonders häufig. Aber auch die deutsche Fraktion hielt diesbezüglich gut mit. So erinnert sich Helmut Bross aus Herrenberg noch heute fast wehmütig: „Die wunderbar wilde und verrückte Formel V war das Größte, was ich in 30 Jahren Rennsport erlebt habe. Mit vier Mann im Einzelzimmer gepennt, Kameradschaft und Spaß rund um die Uhr. Dein Konkurrent war dein Freund, heute ist er dein Feind. Der Verfall dieser Werte ist erschreckend.“
Bild rechts:
Maskerade
© Seufert
Hintergrundbild:
Auch Beduinen lieben die Formel V: Spaß am Vorstart in Hockenheim
© Fausel

Günther Huber galt in der Formel V als erfolgreichster Pilot der ersten Jahre. Dass er sein eigenes Ding so konsequent durchzog, hatte einen ganz speziellen Hintergrund: Sein Erfolgsgeheimnis war ein perfekt abgestimmtes Fahrwerk. Wie der clevere Österreicher das hinbekommen hat, erzählt der inzwischen 70-jährige Kraftfahrzeug-Ingenieur persönlich.
„Im ersten richtigen Jahr der Formel V war ich Einzelkämpfer und musste 1966 mit meinem Austro V gegen den schon recht gut organisierten Rennstall von Porsche-Salzburg und später auch gegen Kurt Bergmanns Kaimann-Truppe antreten. Als gelernter Kfz-Mechaniker und Sohn eines Volkswagen Händlerbetriebs in St. Pölten war ich in der Lage, alle Arbeiten an meinem Austro V selbst zu erledigen. Sicher habe ich mehr getüftelt und getestet als meine Konkurrenten - das war mir einfach so angeboren.
Sehr schnell habe ich gemerkt, dass sich mit entsprechenden Stoßdämpfern die heikle Straßenlage deutlich verbessern ließ. Die Formel-V-Chassis waren anfangs sehr weich und instabil, man stand überall quer und verlor Zeit. Da man am Motor wegen des eng gesteckten Regelwerks nicht viel mehr als die anderen machen konnte, blieb also nur eine deutliche Verbesserung über das Fahrverhalten. Und das war wiederum nur über den Fahrwerksbereich und hier über die Stoßdämpfer zu erzielen. Zusammen mit Bilstein habe ich dann ein umfangreiches Dämpfer-Testprogramm absolviert, das mich richtig nach vorn gebracht hat. Die Zusammenarbeit war einfach perfekt. Als Dankeschön für meine Testarbeit bekam ich immer die neuesten Dämpfer-Entwicklungsstufen. So konnte ich trotz heftigster Gegenwehr meiner Landsleute Marko, Pankl, Peter, Riedl & Co. 1967 den begehrten Europa-Pokal gewinnen. Das war damals für mich eine ungeheure Genugtuung, weil ich als Einzelkämpfer diese starke Phalanx durchbrechen konnte.“
Günther Huber beendete seine Rennfahrer-Karriere nach nur sechs Jahren, um Verantwortung im elterlichen Betrieb zu übernehmen.
Hintergrundbild:
Perfekte Straßenlage – Hubers Austro V 1967 am Nürburgring
© Seufert
Bild rechts:
Perfekte Leistung – Nürburgring-Sieger Huber 1968 mit Kranz
© Seufert

Der „Huckepack-Transport“ liegengebliebener Kollegen von der Strecke zu den Boxen galt in den ersten Jahren der Formel V noch als ganz normaler Freundschaftsdienst. Heute ist so etwas völlig undenkbar.
Die Bilder breitbeinig auf dem Heck sitzender Fahrgäste gehören längst der Vergangenheit an. Heutzutage traut sich das kein Mensch mehr, weil es erstens viel zu gefährlich ist und zweitens hohe Strafen drohen. Damals schon: Wer sich nicht richtig festhielt, flog in Kurven, beim Gas geben oder abrupten Bremsen in hohem Bogen runter. Als Fahrgast war man da stets auf Feingefühl und Gesinnung des Taxi-Chauffeurs angewiesen. In nicht verbürgten Einzelfällen soll es vorgekommen sein, dass besonders hinterhältige Burschen versucht haben, sich durch Abwurf missliebiger Konkurrenten Vorteile zu verschaffen ...
Solcherlei Ungemach musste der österreichische Formel-V-Kollege Dieter Quester 1967 am Nürburgring nicht befürchten. Mit seinem Kaimann war er im Training liegengeblieben und stand am Ende der Session winkend am Streckenrand. Der Autor dieser Zeilen hielt an, ließ seinen Freund „Quastl“ aufsteigen und ab ging’s mit zartem Gasfuß und sanften Lenkbewegungen in Richtung Boxen. Nur im „Karussell“ (siehe Bild) wurde es für den Passagier wegen der unebenen Betonplatten kurzzeitig ungemütlich. „Hättest du da nicht auch oben rum fahren können“, moserte Kumpel Dieter beim Absteigen und massierte seine nach knapp 15 Kilometern eingeschlafenen Beine.
Eine wesentlich kürzere Strecke hatte Rolf Stommelen mit seinem Fahrgast über die nur 7 km lange Südschleife zurückzulegen. Auch bei dieser Fuhre spielte der Autor dieses Beitrags eine Rolle, denn diesmal saß er hinten drauf. Beide waren im nassen Training zum Eifelpokalrennen nacheinander einen Hang runtergesegelt. Mit Hilfe der Streckenposten wurde Stommelens Auto wieder flott gemacht, damit die beiden Havaristen zur Box zurücktuckern konnten. Dass ein Hinterrad abenteuerlich schief stand, hat sich nicht weiter störend ausgewirkt.
Hintergrundfoto:
Huckepack I – Braun mit Fahrgast Quester
© Kotauschek
Foto rechts:
Huckepack II – Stommelen mit Fahrgast Braun
© Kotauschek

Wenn gleich drei namensgleiche Piloten bei einem Formel-V-Rennen vorneweg fahren, die Führung ständig wechselt und alle drei das Ziel fast gleichauf kreuzen, ist die Verwirrung allenthalben groß.
Der Streckensprecher mühte sich zehn Runden lang vergeblich, die Müllerei an der Spitze des Formel-V-Rennens zu entwirren. „Müller, Müller, Müller“ tönte es bei jeder Durchfahrt aus den Lautsprechern. Was die etwa 60.000 Besucher am 14. August 1966 beim AvD-Preis von Hockenheim erlebten, blieb ein Novum. Denn nie mehr danach fuhren gleich drei namensgleiche Piloten an der Spitze eines Rennens, dazu auch noch zwei Müllers mit demselben Vornamen, mit baugleichen Rennwagen und gleichem Wohnort. Dabei war keiner mit dem anderen verwandt: Roland Müller (Stuttgart) und Werner Müller aus Stuttgart, beide in einem Fuchs, und Werner Müller aus der Schweiz in einem Zarp. Zeitnahme, Sprecher und Organisation kamen ordentlich ins Trudeln, Durchlaufzeiten wurden vertauscht und Positionen sowie Rundenbestzeiten falsch zugewiesen. Erst nach längerem Hin und Herr gab es ein offizielles Resultat.
Kaum hatten die drei Müller-Buben das Podium fröhlich winkend verlassen, verging ihnen der Reihe nach das Siegerlächeln. Die Formel-V-Europa-Organisation bat zum „Rennen nach dem Rennen“ und prüfte die Motoren der drei Erstplazierten. Und siehe da – alle drei Triebwerke entsprachen nicht dem Reglement und flogen somit aus der Wertung. „Das glaub’ ich jetzt nicht“, ließ der Zeitnahmechef verlauten, als er angewiesen wurde, abermals ein neues Resultat ohne die drei Müllers zu erstellen. Der Sieger hieß jetzt Werner Riedl aus Österreich auf Austro V. Und den gab’s auch nur einmal im Feld.
Foto rechts:
Dreimal Müller vorne: Werner, Roland, Werner (v. l.)
© Stuttgarter Zeitung
Hintergrundfoto:
Hier wird der letzte Müller disqualifiziert – und Werner Riedl (rechts, heller Mantel) erbt den Sieg
© Seufert

Warum fährt der Mann im Anzug? Weil diese Frage häufiger gestellt wurde, hier kurz und knapp die Aufklärung zu meinem ungewöhnlichen Outfit im Cockpit bei der Formel-V-Premiere 1965 am Norisring:.
Bei der Formel-V-Premiere 1965 am Norisring war ich als Streckensprecher vorgesehen. Im Fahrerlager kam Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein freudestrahlend auf mich zu: „Braun, ich habe da eine Überraschung, jetzt müssen Sie zeigen, ob es für Ihre frechen Kommentare und Texte auch einen soliden Hintergrund gibt.“ Mit diesen Worten wies er mir eines der zehn Formel-V-Cockpits zu. Mit Sakko, Hemd, Schlips und Sandalen ließ ich mich in die geräumigen Fahrgastzelle des Formcar mit der Startnummer 2 hineinplumpsen. Helm und Brille lieh mir AC-Cobra-Pilot Jochen Neerpasch, Overalls waren noch kein zwingendes Thema. Zwar kollidierte der Renneinsatz mit meinem Job als Streckensprecher, doch Norisring-Chef Gernot Leistner spielte das Spiel gerne und beinahe mit Schadenfreude mit – und benannte kurzerhand einen Vertreter am Mikro. So kam ich als 25-jähriger tatsächlich zu meinem ersten richtigen Autorennen.
Abgesehen davon, dass mir der Neerpasch-Helm viel zu groß war und beim Beschleunigen bzw. Bremsen wahlweise fast vom Kopf flog oder ins Gesicht rutschte und dass sich der Schlips längst um den Hals gewickelt hatte, war’s ganz nett. Fast jeder stand irgendwo mal quer oder drehte sich. Als nach zehn aufregenden Runden die Zielflagge fiel, war ich stolzer Fünfter von elf Startern, allerdings mit stattlichem Rückstand auf den Sieger. Der hieß übrigens Günther Schmitt aus Würzburg, sein Sohn Rüdiger wurde später mal ein richtig guter Rennfahrer im Tourenwagensport.
Bild rechts:
Piekfein im Cockpit – Rainer Braun als Formel-V-Pilot bei der Premiere 1965
© Seufert
Hintergrundbild:
Hemdsärmelig im Cockpit – Rainer Braun als Gipfelstürmer am Schauinsland 1965
© Seufert

Zwei hoffnungsvolle österreicherische Nachwuchs-Piloten aus dem Formel-V-Rennstall von Porsche-Salzburg wollten vor ihrem ersten Nürburgring-Start die Tücken der Nordschleife erkunden.
Etwa vier Wochen vor dem GP von Deutschland 1966 weilten die Herren Peter Peter aus Wien und Michael Walleczek aus Kitzbühel zusammen mit ihren Kollegen aus dem Austro-V-Rennstall am Nürburgring. Es galt, sich auf ein ganz großes Ereignis vorzubereiten – das erste Formel-V-Rennen auf der Nordschleife im Vorprogramm des Formel-1-WM-Laufs. 95 Nennungen, 50 Startplätze, 3 Runden. Jochen Rindt persönlich erklärte seinen Landsleuten, wie das Kurvenlabyrinth auf der schnellsten Linie zu bezwingen sei. Schließlich war es für die jungen Wilden die erste Begegnung mit der Nordschleife. Und dazu hatte Österreich seinen Ruf als führende Formel-V-Nation zu verteidigen.
Um das Erlernte sogleich in der Praxis zu erproben, bestieg Peter seinen Porsche 911 und bat Walleczek zur Ansage der Kurvenfolge nach bester Rallye-Manier auf den Beifahrersitz. „An der Hohen Acht hat der Michi links gebrüllt“, erinnert sich Peter, „dabei ging’s dort rechts rum und wir hatten ein kleines Problem.“ Das war allerdings nichts gegen das Aha-Erlebnis auf der Döttinger Höhe, wo der Neunelfer im Linksknick unter der Brücke eine Bodenwelle unglücklich erwischte, instabil wurde und abhob. Der anschließende Flug war hoch und weit, nach einigen Rollen endete die Luftreise im Unterholz auf dem Dach. „Es dauerte eine Ewigkeit, bis man uns endlich gefunden hatte“, so Peter, „wir lagen ja weit weg von der Straße im Gelände. Aber wir konnten wenigstens miteinander reden.“ Die beiden überstanden den Mega-Crash gottlob ohne Brüche, aber mit schweren Prellungen. Eine chronische Gehbehinderung erinnert Peter zeitlebens an den denkwürdigen Tag.
Trotz größter Schmerzen sorgte zumindest Peter Peter am 6. August 1966 für einen versöhnlichen Abschluss der ersten Nordschleifen-Visite und erkämpfte Platz zwei hinter Landsmann Günther Huber. Kollege Walleczek hingegen überschlug sich im Streckenabschnitt Brünnchen.
Fotos
Hintergrundbild: Michael Walleczek – links angesagt, wo’s rechtsrum geht (© Jelinek)
Foto rechts: Peter Peter – hoch und weit geflogen (© Seufert)

Bei der Gründungsversammlung der „Formel V Europa“ im Juli 1966 in München beschloss das Präsidium auch die monatliche Herausgabe einer kostenlosen Verbands-Postille. Die erste Ausgabe des „Formel V Express“ erschien schon drei Wochen später.
Der Journalist Ulf von Malberg musste im neu gegründeten Formel-V-Verband gleich in einer Doppelfunktion ran. Neben seiner Rolle als Geschäftsführer übertrug ihm der Vorstand auch noch die Chefredaktion des „Formel V Express“. Die erste Ausgabe, vier Seiten dünn, erschien Anfang August mit dem Aufmacher: „1. Preis: ein nagelneuer Volkswagen für den schnellsten Formel V auf dem Nürburgring.“ Gemeint war der bevorstehende international besetzte Lauf über drei Runden im Vorprogramm des GP Deutschland auf der Nordschleife. Den neuen 1300er-Käfer durfte übrigens der österreichische Volkswagen Händlersohn Günther Huber mit nach St. Pölten nehmen. Der Austro-V-Pilot profitierte vom Ausschluss des Schweizers Beat Fehr, der Sieg und Auto wegen eines nicht regelkonformen Motors seines Zarp-FV-Rennwagens an Huber verlor.
Im Editorial berichtet von Malberg über viel Planungsstress, zähe Verhandlungen und ein Ultimatum, demzufolge „die Druckunterlagen für die erste Ausgabe innerhalb von vier Tagen“ abzuliefern sind. „Zu diesem Zeitpunkt“, jammerte der bedauernswerte Kollege damals, „war ich mein einziger Mitarbeiter und hatte noch nicht mal eine Seite fertig.“ Aber alles wurde trotzdem gut, das Blatt erschien pünktlich mit anfänglich vier, später sechs und zum Schluss acht Seiten. News und Nachrichten, Ergebnisse und Erkenntnisse, Tests und Technik rund um die Formel V in ganz Europa waren die Themen der ersten Ausgabe. Die Startauflage betrug 2.000 Exemplare. Wegen der internationalen Ausbreitung der Formel V erschien das Verbandsorgan schon bald als dreisprachiges Druckwerk in deutscher, englischer, französischer Sprache.
Bild:
Premiere – Titelseite des ersten Formel V-Express vom August 1966

Schon im zweiten Jahr erlebte die Formel V einen wahren Boom in ganz Europa. Kaum eine Nation, die sich der großen Bewegung rund um den Volkswagen Renner nicht anschloss. Doch es gab ein Problem - jedes Land legte das nur locker formulierte Reglement anders aus.
„Wir müssen da unbedingt mehr Ordnung reinbringen“, mahnte AvD-Sportsekretär Herbert Wilhelm Schmitz am Rande eines Formel-V-Rennens in Hockenheim, „sonst macht bald jeder, was er will.“ Tatsächlich galt es, möglichst schnell ein für ganz Europa gültiges Formel-V-Reglement zu verabschieden. So fand auf Initiative von Volkswagen, Sportfunktionären und Formel-V-Geburtshelfern am 11. Juli 1966 im Hotel „Bayerischer Hof“ in München jene Versammlung statt, die zur Gründung des Verbands „Formel V Europa e.V.“ führte.
Als erste Amtshandlung wurde ein Präsidium gewählt, bestehend aus Vertretern der stärksten Formel-V-Nationen. Ewert Jan Groen (Holland) übernahm das Präsidentenamt, als Vize-Präsidenten wurden Hans Peter Fürst (Österreich) und Sven von Schroeter (Deutschland) gewählt. AvD-Sportmanager Schmitz, bei der FIA in Paris kompetentes Mitglied der Technikkommission, wurde kurzerhand zum Technischen Direktor für Fragen rund ums Reglement befördert und Hans Strömel (Wolfsburg) vertrat die Interessen von Volkswagen. Die verantwortungsvolle Aufgabe des Geschäftsführers übertrug das Präsidium dem Münchner TV-Journalisten Ulf von Malberg. Die Mitgliedsbeiträge wurden pro Jahr mit 20 Mark für Fahrer, 200 für Teams und 400 Mark für Firmen festgesetzt.
Neben einem einheitlichen Europa-Reglement beschloss die neue Verbandsführung unter anderem eine bessere Abstimmung der internationalen Termine, die Einführung eines Europapokals, Fahrerlehrgänge unter Anleitung von Formel-1-Piloten sowie die Ausschreibung von Geld- und Sachpreisen. Volkswagen Mann Strömel ging gleich mit gutem Beispiel voran und stiftete für den Sieger des bevorstehenden 3-Runden-Formel-V-Rennens beim GP von Deutschland auf dem Nürburgring einen nagelneuen Käfer 1300 S.
Foto:
Drei wichtige V-Männer: Vize-Präsident Sven von Schroeter, Initiator Huschke von Hanstein, AvD-Sportmanager Herbert Wilhelm Schmitz (v.l.)

Beim Eifelpokalrennen Ende September 1965 startete ein junger Adeliger aus den Niederlanden zu einer ganz großen Karriere durch. Das schmächtige Bürschlein saß in einem Formel-V-Rennwagen und siegte gleich im ersten Anlauf.
Gijs van Lennep sah die Südschleife des Nürburgrings zum ersten Mal in seinem noch jungen Rennfahrerleben. Der 23-jährige aus der Nähe von Zandvoort war von seinem Mentor Ben Pon mit dem Auftrag in die Eifel geschickt worden, beim letzten Formel-V-Rennen der Saison den orangefarbenen Beach zu Trainingsbestzeit und Sieg zu pilotieren. Wie aufgetragen erledigte van Lennep beides so, als habe er nie etwas anderes gemacht. Dabei besiegte er so ganz nebenbei einen Rolf Stommelen, der zu dieser Zeit schon als gestandener Porsche-Profi galt.
Am 16. Oktober des darauffolgenden Jahres sorgte das schmächtige Bürschlein auf dem Flugplatz von Wien-Aspern für eine Riesensensation. Direkt nach seinem erneut erfolgreich beendeten Formel-V-Rennen durfte er in den fünfmal so starken Porsche Carrera 6 seines Förderers Ben Pon umsteigen und im Sportwagenrennen gegen Lokalheld und Weltstar Jochen Rindt, ebenfalls im Carrera 6, antreten. Nach einem dramatischen Duell mit dem Cooper-Formel-1-Piloten blieb der Formel-V-Jüngling am Ende knapper Sieger. Das war der endgültige Durchbruch für den Pon-Schützling – innerhalb kürzester Zeit mauserte er sich zu einem der weltbesten Sportwagen-Piloten. Sechs Jahre nach seinem ersten Formel-V-Start am Nürburgring gewann der schmächtige Holländer zusammen mit Ex-Formel-V-Mann Dr. Helmut Marko 1971 im monströsen Porsche 917 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit Strecken- und Distanzrekord. Eine Bestleistung, die 39 Jahre bestand hatte und erst 2010 durch Audi geknackt wurde.
Gijs van Lennep (71) ist dem Volkswagen Konzern noch heute als Repräsentant verbunden. In Holland betreut er den Rennfahrer-Nachwuchs und ist Coach bei Porsche- und Audi-Fahrtrainings.
Hintergrundfoto:
Von der Formel V zu Le-Mans-Siegern: Gijs van Lennep und Helmut Marko 1971
Foto rechts:
Am Anfang stand die Formel V: Jungstar Gijs van Lennep 1966 im Austro V in Wien-Aspern
© Archiv Historische Formel V

Das kleine Österreich wurde in der ersten kompletten Formel-V-Saison 1966 gleich zum großen Dauersieger. Kaum ein Rennen, das nicht einer der jungen Wilden aus der Alpenrepublik unterm Lorbeerkranz beendete. Besonders oft standen Michael Walleczek aus Kitzbühel und Günther Huber aus St. Pölten auf dem Siegerpodium.
Die Austria-Equipe von Porsche-Salzburg mit ihren Frontmännern Michael Walleczek, Werner Riedl und Peter Peter brachte ihre Mitstreiter bei den großen Formel-V-Rennen des Jahres 1966 schier zur Verzweiflung. Dazu kamen noch der Einzelkämpfer Günther Huber und gelegentlich die Allzweckwaffe Dieter Quester. Vor allem die international stark besetzten Läufe am Nürburgring, in Hockenheim, Zandvoort und auf den Flugplätzen von Innsbruck und Wien-Aspern waren fest in der Hand dieser eingeschworenen Mannschaft. „Wo die sind, ist vorne“, stöhnte Fuchs-Spitzenpilot Helmut Bross aus Herrenberg, „wenn der eine von denen nicht gewinnt, dann eben der andere.“ Auch Walter Wünstel aus Kaufbeuren, 1966 erster deutscher Formel-V-Meister im Mahag-Austro V, verzweifelte am Bollwerk der Österreicher, die übrigens damals alle von ihrem Idol Jochen Rindt in speziellen Lehrgängen trainiert wurden. Auf einem Reifentestgelände in Kottingbrunn bei Wien übten die Besten der Formel-V-Nation Österreich unter Rindts Anleitung regelmäßig Ideallinie und Renntaktik.
National-Hero Rindt sorgte auch dafür, dass die Jahres-Siegerehrung seiner erfolgreichen Formel-V-Landsleute im würdigen Umfeld seiner „2. Jochen Rindt Show“ für Renn- und Sportwagen im Wiener Messepalast stattfand. Hier kam das denkwürdige Foto zustande mit den drei besten Formel-V-Figthern der Saison und Ehrengast Juan Manuel Fangio. „Dass der Fangio grad da war, als wir unsere Pokale bekamen“, freut sich Huber noch heute, „war natürlich das Beste, was uns passieren konnte.“ Tatsächlich ging das Foto mit den drei Formel-V-Buben und dem fünffachen Formel-1-Weltmeister um die Welt. „Unsere Jungs“, befand HP Fürst als damaliger Formel-V-Teamchef von Porsche-Salzburg stolz, „sind eben echte Siegertypen, die sich eine gute Publicity verdient haben.“
Bild: Juan Manuel Fangio, öASC-Präsident Willi Löwinger (vorne), FV-Piloten Robert Rojkowski, Günther Huber, Michael Walleczek (dahinter v.l.)
© Archiv Steinbacher, Wien

Vor dem Beginn eines Rennwochenendes steht auf jeder Rennstrecke dieser Welt die Prozedur der Technischen Abnahme. Das war bei der neu etablierten Formel V nicht anders. Anfangs allerdings ganz anders als üblich.
Im ersten Jahr war die Technische Abnahme für Fahrer und Kommissare noch ziemlich einfach. Porsche als Eigentümer und Bewerber führte die zwölf Autos aus seinem Wanderzirkus en bloc zur Begutachtung vor. Ein Techniker erklärte die wichtigsten Bauteile, ließ die Wagenpässe stempeln, fertig. Die paradiesischen Zustände rund um die Abnahme änderten sich allerdings 1966, im zweiten Jahr der Formel V, dramatisch. Denn ab jetzt war jeder selbst verantwortlich für Wagenpass, Datenblatt und sonstige Administration rund ums Formel-V-Auto. Immer wieder wurde das Reglement gezückt, Bauteile verglichen und Abmessungen geprüft. „Der schärfste Hund von allen war der Seegers“, erinnerte sich Formel-V-Legende Heinz Fuchs zu Lebzeiten, „der hat dir notfalls das halbe Auto zerlegt, um nachzuweisen, dass da vielleicht eine Distanzscheibe zu viel verbaut wurde. Der Mann hat mich zum Wahnsinn getrieben.“
Noch dramatischer ging es im Techniker-Kollegium zu, wenn Proteste zu untersuchen und zu entscheiden waren. So auch nach einem Formel-V-Rennen am Nürburgring im Frühjahr 1966 in einer Protestsache gegen einen österreichischen Austro V-Piloten. Alle verfügbaren Kräfte der Technischen Jury, fünf Experten an der Zahl, machten sich im Fahrerlager über den Formel V des vermeintlichen Missetäters aus Österreich her. Überhaupt die Österreicher – immer siegreich, immer verdächtig, aber immer für sauber befunden.
Mit sicherem Blick fürs Besondere hat Hans-Peter Seufert, einer der besten Rennfotografen seiner Zeit, jene wunderbar groteske Situation im Bild festgehalten, wie sich der „Untersuchungs-Ausschuss“ in Hut und Mantel ratlos über den halb umgestülpten Rennwagen beugt. Und der wackelige Holzstuhl als Abstützung verleiht dem Szenario noch eine herrliche Slapstick-Note.
Bild: Untersuchungsausschuss ...
© Seufert

Das erste Jahr der Formel V in Deutschland ist vielen Zeitzeugen auch heute noch mehr als Spaßveranstaltung denn als ernsthaftes Racing in Erinnerung. Im Mittelpunkt stand ein Porsche-Mitarbeiter, dessen Position ihm innerhalb des Formel-V-Wanderzirkus zu ungeahnter Popularität verhalf.
Der von Porsche aus den USA importierte Formel-V-Fuhrpark bestand 1965 aus zwölf Rennwagen der US-Fabrikate „Beach“ und „Formcar“. Sieben Stationen standen auf dem Programm: Norisring, Solitude, die Flugplatzrennen Mainz-Finthen und Trier, das Schauinsland-Bergrennen, das Eifelpokalrennen auf der Nürburgring-Südschleife und das Flugplatzrennen Wunstorf.
Huschke von Hanstein, damals bei Porsche Presse- und Sportchef in Personalunion, beauftragte seinen Assistenten Gerhard Härle, die von Porsche finanzierte Promotion-Tour als „weisungsberechtigter Leiter“ zu begleiten. Ab diesem Zeitpunkt hatte Herr Härle, von eher kleinem Wuchs und in den meisten Fahrerlagern unbekannt, seine ganz großen Auftritte. „Der Mann mit dem Hut“, wie ihn die rotierenden Fahrerkader seines Formel-V-Wanderzirkus der Einfachheit halber nannten, war ständig umlagert von Bittstellern. Denn jeder wollte mal ein Formel-V-Rennen zum Nulltarif fahren. Aber es waren jeweils nur zehn Cockpits zu vergeben, zwei Autos blieben als Reserve unbesetzt. Härle hatte Anweisung, „eine gute Mischung aus Stars, Routiniers und Nachwuchsleuten“ zu finden. So standen auch die Porsche-Stars Rolf Stommelen, Willi Kauhsen, Udo Schütz oder Gerhard Mitter dann und wann mal als Zugpferde am Start.
Gewonnen haben in diesem ersten Jahr trotzdem fast immer junge, zu dieser Zeit noch namenlose Talente. Und Gerhard Härle hat das erste Formel-V-Jahr in Deutschland als „Zirkusdirektor“ wirklich genossen. „Mein Telefon im Büro und zu Hause läutete Tag und Nacht, ich hätte jedes Cockpit 100 Mal vergeben können. Es war eine tolle Erfahrung, den Start in eine neue Form der Nachwuchsförderung zu begleiten.“ Gerhard Härle ist heute 72 Jahre und genießt seinen Ruhestand in Frankreich.
Bild: Porsche-Formel V-Wanderzirkus 1965 in Wunstorf – Rolf Stommelen, Eckhard Schimpf, Michael Franz, Siegmund Seligmann, Dieter Bohnhorst, Rolf Wütherich, Gerhard Härle, Rainer Braun (v.l.)
© Seufert
