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Hart aber herzlich.

Helden, Raufbolde und eine extrem abgebrühte Dame: die Typen der Formel V.

KEKE ROSBERG

FINNLAND

Ein Mann will nach oben.

Als der Finne Keke Rosberg mit seinem Hansen-Formel V das erste Mal bei einem Europa-Lauf 1973 in Hockenheim antrat, war jedem klar, dass da ein neuer Stern am Rennfahrerhimmel aufging. „Sein Fahrstil war aggressiv, brutal und beeindruckend“, konstatierte Kaimann-Chef Kurt Bergmann am Streckenrand sofort. Kurze Zeit danach riss Rosberg auf der Nordschleife des Nürburgrings als erster Formel-V-1300-Pilot die Neun-Minuten-Schallmauer ein. Spätestens jetzt war klar, dass der Mann ein sicherer Aufsteiger in die Formel Super V sein musste. Unter der Obhut von Bergmann verbrachte der Europameister zunächst eine Saison im privaten Kaimann-Team „Uwe’s Mode Racing“, um danach in die Wiener Werkstruppe aufzurücken. Der Titel des deutschen Super-V-Meisters ließ dann auch nicht lange auf sich warten. „Das waren schöne Jahre mit viel Spaß und fröhlichen Teamkollegen“, gab Rosberg seinerzeit zu Protokoll. Aber es war auch eine harte Zeit, in der er als festen Wohnsitz einen Zeltplatz in Österreich angab oder bei Freunden in Heidelberg Unterschlupf fand. Mit dem Gewinn der Formel-1-Weltmeisterschaft 1982 wurde Keke Rosberg für alle Entbehrungen früherer Jahre entschädigt.

KEKE ROSBERG

DR. HELMUT MARKO

ÖSTERREICH

Der es krachen ließ.

Der Doktor der Rechtswissenschaften aus Graz brach 1967 wie ein Erdbeben in die Formel V ein. Der 25-jährige Kumpel von Jochen Rindt ließ es dermaßen krachen, dass seine Mitstreiter es meistens vorzogen, auf energische Gegenwehr im Nahkampf zu verzichten. Marko rückte im Kaimann-Team von Kurt Bergmann schnell auf zur Nummer 1 und entpuppte sich immer mehr zum kompromisslosen Siegfahrer. Wer ihm in die Quere kam, musste mit allem rechnen. Kein verstecktes Foul war ihm fremd, seine Trickkiste war gut gefüllt mit allem, wofür man sich heute sofort eine Durchfahrtsstrafe oder auch mehr einfängt. Wenn’s mal knallte, waren am Ende sowieso immer die anderen schuld. Dabei verlor der große Blonde aber nie seine lockere Einstellung. So zückte er bei Startverzögerungen gerne auch mal schnell die Spielkarten, um seine Konkurrenten mit Poker und 17+4 abzuzocken. So manche Nacht vor Training oder Rennen machte er mit seinen Zechkumpanen durch – und siegte trotzdem am nächsten Tag. Heute ist Helmut Marko als Berater im Red-Bull-Formel-1-Team einer der einflussreichsten Männer im Grand-Prix-Sport.

Helmut Marko

GÜNTHER HUBER

ÖSTERREICH

Allein gegen den Rest der Welt.

Er gehörte zur Gruppe jener wilden und weltweit gefürchteten Österreicher, die den Erfolg der ersten Formel-V-Jahre entscheidend mitgeprägt haben. Der stille und introvertierte junge Mann aus St. Pölten entschied sich für die Rolle des Einzelkämpfers. „Ich habe mich nur auf mich selbst verlassen und bin technisch meinen eigenen Weg gegangen“, blickt Huber zurück. Dazu gehörten beispielsweise auch eigene Weiterentwicklungen wie die eines geeigneten Stoßdämpfers. „Damals waren alle noch ziemlich testfaul, ich habe das ausgenutzt und mit Bilstein diese Dinge vorangetrieben.“ Als die große Formel-V-Bewegung dann 1966 so richtig in Schwung kam, gehörte Huber sofort zu den Frontrunnern, siegte bei den EM-Läufen auf der Nordschleife im Regen und im Trockenen, triumphierte auch auf der Nürburgring-Südschleife, führte in Monaco mit Rekordvorsprung bis zum Ausfall wegen Bremstrommelbruchs. Trotz heftigster Gegenwehr seiner Landsleute Marko, Peter, Pankl & Co. holte er sich 1967 den begehrten EM-Titel. Davon schwärmt Huber noch heute: „Das war damals für mich eine ungeheure Genugtuung, als Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt anzutreten und alle abzuduschen.“

GÜNTHER HUBER

HANNELORE WERNER

DEUTSCHLAND

Macht Platz da, Männer!

Vor der flotten Dame aus Hürth bei Köln fürchtete sich fast jeder Formel-V-Konkurrent. Kein Mann konnte sich vor ihr sicher fühlen – rennsportlich gesehen natürlich. Was die blonde Zahntechnikerin damals so alles aufführte, war in der Tat höchst bemerkenswert. Oft genug trieb Fräulein Werner ihre männlichen Konkurrenten an den Rand der Verzweiflung. „Das Weib fährt jenseits von Gut und Böse“, empörte sich Formel-V-Pilot Helmut Bross 1967 in Zolder, als ihm die couragierte Dame im Mahag-Olympic kurz vor der Zielflagge mit einem haarsträubenden Überholmanöver über den begrünten Seitenstreifen den schon sicher geglaubten Sieg entriss. Solche Situationen gab es mehr als einmal im schnellen Leben der Hannelore W. Und so mancher auf diese Art Blamierte stand hinterher wie ein begossener Pudel neben der frech grinsenden Blondine auf dem Siegerpodium. Spaßvogel Dieter Quester empfahl den düpierten Formel-V-Kollegen einst, „das Weib doch mal mit einem richtigen Kerl zu verkuppeln, damit sie endlich schlappmacht im Rennbetrieb“. Die Hochzeit mit ihrem Förderer Günther Hennerici machte sie aber nur noch schneller, eine glanzvolle Profi-Karriere folgte den Formel-V-Jahren.

HANNELORE WERNER

HELMUT BROSS

DEUTSCHLAND

Der Raufboldbändiger.

Obwohl er über 30 Rennjahre erlebt hat und auch mit neuzeitlichen Formel- und Sportwagen viele Erfolge einfuhr, landen Gespräche mit ihm immer wieder dort, wo alles angefangen hat – in der Formel-V-Zeit. „Die wunderbar wilde und verrückte Formel V war das Größte, was ich erlebt habe. Mit vier Mann im Einzelzimmer gepennt, Kameradschaft und Spaß rund um die Uhr. Dein Konkurrent war dein Freund, heute ist er dein Feind.“ Bross wuchs Ende der 60er-Jahre mit der verrücktesten Rennclique aller Zeiten auf. Seine Gegner hießen Marko, Ertl, Pankl, Riedl, Schurti, Luyendijk, Trint, Rosberg & Co. – die schlimmsten Raufbolde, die man sich vorstellen kann. Er saß im eigenwilligen Fuchs, im soliden Kaimann, im revolutionären Komet und im schlanken Lola. Drei Titelgewinne in der Formel V und eine Meisterschaft in der 1.6-Liter-Formel Super V machten ihn damals zum erfolgreichsten deutschen Vertreter. Jener „Komet“, der ihm 1972 den Super-V-Titel bescherte, war übrigens eine Porsche-Konstruktion, die Weissacher Renningenieure für ihre Kumpels Günther Steckkönig und Eberhard Braun gebaut und mit Drehstab- statt mit Spiralfederung versehen hatten. „Es gab nur zwei Exemplare“, erinnert sich Bross, „das Ding war ein echter Hammer.“

HELMUT BROSS

GEROLD PANKL

ÖSTERREICH

Der Unzerstörbare.

Gerold Pankl aus Bruck an der Mur erlebte eine kurze und heftige Rennfahrer-Karriere. Nicht umsonst nannte man ihn den „Unzerstörbaren“. Vor allem heftig, was die haarsträubenden Unfälle des Österreichers in den wildesten Tagen der Formel-V-Frühzeit zwischen 1966 und 1968 betraf. Grundsätzlich bewegte der stämmige Naturbursche seinen Austro V immer am und überm Limit. Entweder siegte er oder es flogen die Fetzen. Es krachte so oft, dass selbst seine hartgesottenen Formel-V-Kumpels ins Grübeln gerieten. So flog Pankl innerhalb weniger Wochen in Spa und am Nürburgring „jeweils in Baumhöhe wie eine Granate“ aus dem Cockpit seines Volkswagen Renners. Gurte gab’s um diese Zeit noch nicht. Dass er die beiden Mega-Crashs überlebte, grenzt an ein Wunder: Wirbelsäulenbruch, durchtrennte Muskeln, komplizierte Beinbrüche und Prellungen überall, kaum ein Körperteil bleib unversehrt. So ging’s nach der Formel V auch im Tourenwagensport weiter, bis dem Fahrschulinhaber aus der Steiermark nach weiteren Verletzungen langsam, aber sicher der Spaß an der Rennerei abhanden kam.

GEROLD PANKL

MANFRED SCHURTI

LIECHTENSTEIN

Gefährlicher, als der TÜV erlaubt.

Wenn Liechtensteins schnellster Bürger in den 60er- und 70er-Jahren zu seinen Rennen in der Formel V ausrückte, blieb die einzige TÜV-Dienststelle des Zwergenstaats einfach geschlossen. Denn dort war der Beamte Manfred Schurti für die Kfz-Abnahme zuständig. Weil sein einziger Angestellter gleichzeitig auch sein Mechaniker war, blieb der Laden dicht. Keine Fahrzeugabnahme, keine Führerscheinausgabe, nichts. Aufgeregt hat sich, so ist es überliefert, deswegen keiner im Fürstentum – was für eine schöne heile Welt. Schurti gehörte zu den Hauptdarstellern der wildesten Formel-V- und Super-V-Jahre. Unvergessen bleibt sein Finish mit Erich Breinsberg beim Europa-Finale 1970 auf dem Salzburgring. Nebeneinander donnern Schurti im Austro V und der Österreicher im Kaimann auf die Zielflagge zu. Kurz vorm Zielstrich fangen beide an zu drücken, jeder in Richtung des anderen. Mit verkeilten Vorderrädern rauschen die Kampfhähne durchs Ziel. Während Schurti als knapper Laufsieger krachend an der Leitplanke landet, fliegt Titelgewinner Breinsberg in die gegenüberliegende Böschung. Aber auch Schurti kam dann noch zu Meisterehren – in der Formel V gelang ihm 1972 im Royale der Gewinn des Europa-Pokals. Danach schaffte er in Daytona sogar auch noch den Weltpokal-Sieg gegen die Amerikaner.

MANFRED SCHURTI

ERICH BREINSBERG

ÖSTERREICH

An ihm führte kein Weg vorbei.

Auch der Volkswagen Händler-Sohn aus Wien zählte zu jenen großen Fahrerpersönlichkeiten Österreichs, die die Rennen der wilden Formel-V- und Super-V-Jahre geprägt haben. Zwischen 1966 und 1971 führte der Weg zum Sieg meistens nur über den gelernten Drogisten im Top-Team von Kaimann-Chef Kurt Bergmann. Dort verbrachte er praktisch seine gesamte Rennfahrerzeit und hatte sich immerhin gegen Supertalente wie Lauda, Marko oder Ertl zu behaupten. Zu seiner dramatischen Europa-Titelentscheidung 1970 am Salzburgring bleibt nur zu sagen: siehe Manfred Schurti. Auch in der stärkeren 1.6-Liter-Formel Super V lief es für Breinsberg von Anfang an prächtig: Gleich im ersten Super-V-Jahr 1971 gewann er in Daytona gegen die USA den ersten Super-V-Welt-Vergleichskampf. Und am Saisonende konnte er sich auch noch als erster Super-V-EM-Champion feiern lassen. „Alles, was ich erreicht habe, verdanke ich Kurt Bergmann, er war als Mensch und Teamchef einmalig.“ Zum Ausklang seiner Laufbahn stellte Breinsberg zusammen mit „auto motor und sport"-Chefredakteur Bernd Ostmann und Rallye-Profi Jochi Kleint auf dem Volkswagen Testgelände Ehra-Lessien noch einen Geschwindigkeitsweltrekord (260 km/h Schnitt über die 6-Stunden-Distanz) auf.

ERICH BREINSBERG

BILL SCOTT

USA

Schocker aus Amerika.

Selten hat der Besuch einer Formel-V-Abordnung aus den USA in Deutschland einen solchen Schock ausgelöst wie jener Auftritt von 1968 beim Eifelpokal-Rennen am Nürburgring. Mit dem Start von US-Boy Bill Scott, damals 29 und daheim in den Staaten mit seinem „Zink Special“ ohnehin schon ein Star im Formel-V-Zirkus, bekam das Europameisterschaftsfinale in der Eifel eine ganz besondere Note. Die siegverwöhnten Österreicher staunten nicht schlecht, als ihnen Scott auf der sieben Kilometer langen, tückischen Südschleife gnadenlos um die Ohren fuhr und das Rennen auf der regenassen Piste mit unfassbaren 15 Sekunden Vorsprung gewann. Das Austria-Trio Riedl, Marko und Huber blieb auf den Ehrenplätzen nur noch das große Staunen. Zwar reichte es für Riedl trotzdem noch zum Europa-Cup, aber der Stachel der Niederlage ausgerechnet am Ring saß verdammt tief. Bill Scott, 1971 und 1972 auch Super-V-Meister der USA, ist vor einigen Jahren an den Spätfolgen eines tragischen Unfalls gestorben. Ausgerechnet im Nürburgring-Städtchen Adenau wurde er als Fußgänger beim Überqueren der Hauptstraße von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Davon hat er sich nie mehr richtig erholt.

BILL SCOTT

HARALD ERTL

ÖSTERREICH

Zwischen Genialität und Wahnsinn.

Der in Mannheim lebende Österreicher hielt für ein paar Jahre die Formel V in Atem und hinterließ bleibende Eindrücke. Als mittelloser junger Nachwuchsmann gelang es ihm mit bewundernswerter Hartnäckigkeit, Teamchefs dazu zu bewegen, Autos zum Nulltarif rauszurücken. Die so ergatterten Formel-V-Rennwagen von Porsche Salzburg (Austro V) und Bergmann (Kaimann) steuerte der Lebenskünstler mit dem Rübezahlbart als Danke-schön auch oft genug zu aufsehenerregenden Siegen. Allerdings legte er auch derart deftige Bruchlandungen hin, dass sich daraus bald ein neuer Begriff im Rennsport verfestigte. Wenn die Rede von einem „geertelten Auto“ war, bedeutete dies nichts anderes, als dass jemand Schrott nach Ertl-Vorbild abgeliefert hatte. Als auch Ertl schließlich im Kaimann-Team angekommen war, registrierte sein Teamchef Kurt Bergmann mit Kennerblick, dass sich „der wilde Hund ständig zwischen Genialität und Wahnsinn bewegt. Entweder gewinnt er die schwierigsten Rennen oder er schmeißt sichere Siege weg.“ Immerhin schrammte der mit deutscher Lizenz rennenden Ösi nur knapp am Titelgewinn in der Europameisterschaft vorbei und gewann 1973 den Formel Super-V-Nationenvergleich zwischen Europa und USA in Hockenheim. Harald Ertl starb mit 33 Jahren im April 1982 bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Gießen.

HARALD ERTL